Karsten Löckemann

Katalogtext zur Ausstellung 'cut'

Auf ganz ähnliche Weise scheint auch der polnische Künstler Wilhelm Sasnal in oft fast comicartiger schwarz-weiß Manier Momente in seiner Malerei zu bannen. Allerdings ist die Bandbreite seiner Vorlagen vielfältiger als bei Huss. Aber auch bei ihm sind es die Schnappschüsse, diese kurzen, oft belanglosen Szenen, die er in seinen Gemälden thematisiert. Beide Künstler scheinen sich aber ihrer Vorlage, ob Fotografie oder Film auf sehr realistische und direkte Weise zu nähern.
Bei Huss ist die malerische Umsetzung so klar und direkt, dass man meinen könnte man hätte es mit einem Filmstill selbst zu tun – aber eben mit einem Filmstill aus den 1920er-Jahren, der in die Jahre gekommen und etwas verblichen ist.
Sind die Gesichtszüge seiner Protagonisten in den Schwarz-Weiß-Arbeiten oft nur schematisch angerissen oder durch die dargestellte Perspektive beziehungsweise den gewählten Ausschnitt einfach nicht einzusehen, eröffnet sich dem Betrachter der mehrfarbigen Arbeiten ein ganz neues Bild. Nahezu frontal blickt man in klar konturierte Gesichter der dargestellten Personen. Auffällig ist allerdings, dass die Augen der Protagonisten fast immer geschlossen zu sein scheinen.
Im Gegensatz zu den oft dramatischen Szenerien seiner Schwarz-Weiß-Arbeiten gibt es hier keine Interaktion. Stumm und in sich gekehrt, in dicke Winterkleidung eingehüllt, träumen sie vor sich hin. Der Künstler schafft damit Distanz und Abgeschirmtheit. Der Hintergrund ist eigentlich fast immer völlig ausgelöscht und ein intensives Rot dominiert die meist beschränkte Farbpalette.
Mit sehr sparsamen Gesten und einer ohnehin sehr reduzierten, fast nüchternen Bildsprache schafft es der Künstler Till Julian Huss, tiefe menschliche Gefühle, aber eben auch alltägliche Szenen in seinen Bildern zu bannen.
Dem Moment erlegen oder das Spiel mit den Posen – Ein Besuch im Atelier von Till Julian Huss

Es sind diese kurzen Augenblicke und dramatischen Momentaufnahmen, die den Filmstill als Vorlage und Inspirationsquelle für unzählige zeitgenössische Künstler attraktiv machen. Gerade der Film, aber auch das Fernsehen sind mit Sicherheit die Medien, die vor allem diese junge Künstlergeneration mehr als alles andere geprägt haben.
Die Flüchtigkeit dieses Mediums verweist symbolisch mit Dramatik und Nachdruck auf die Schnelllebigkeit unserer Zeit.
Auch der junge Maler Till Julian Huss sucht immer wieder die Begegnung mit den bewegten Bildern. Sowohl für seine farbigen Arbeiten als auch für seine Schwarz-Weiß-Serien hat er sich an Filmvorlagen orientiert.
Die schwarz-weißen Gemälde des Künstlers entführen den Betrachter in ihrer ganz eigenen Ästhetik in die Welt des Stummfilms der 1920er- und 1930er-Jahre. Posen und Momentaufnahmen der dargestellten Paare lassen eine dramatische Handlung erahnen, erschließen sich aber nie vollkommen. Auch die Bildtitel geben die konkrete Vorlage nicht preis.
Vielleicht sind es ja auch erfundene Szenen, mit denen der Künstler dem Betrachter ein Rätsel aufgeben will?
Die amerikanische Fotokünstlerin Cindy Sherman hat sich bereits in den 1970er-Jahren für ihre große 70-teilige Fotoserie Untitled Film Stills von Schwarz-Weiß-Melodramen der 1950er- und 1960er-Jahre inspirieren lassen. Auch hier ist man dem filmischen Moment erlegen und glaubt, die Szene irgendwoher zu kennen. Die Sequenzen sind aber alle völlig frei erfunden, allerdings in perfekter Weise inszeniert.
Ähnlich wie Cindy Sherman mit dem Medium Fotografie versucht auch Huss mit seiner Malerei den Betrachter zu packen, indem er nur einen kurzen Moment einer Geschichte anreißt. Posen, Stimmungen, klassische Rollenspiele und nahezu eingefrorene Filmsequenzen sollen die Fantasie des Betrachters anregen und lassen ihm Freiraum, seine eigene Geschichte zu entwickeln.
 

Prof. Dr. Ferdinand Ullrich

Katalogtext zur Ausstellung 'Malerei 07'

Die Graumalerei zusammen mit der Auslöschung der Physiognomien und der Vereinheitlichung des Hintergrundes schafft eine mystische Stimmung, die sich am ehesten noch im Werk von Richard Oelze finden lässt. Menschen vollführen eine Handlung, aber man weiß nicht, welche. Weder weiß man, was sie tun, noch wo sie es tun, noch wer sie sind. Man bleibt im vielfach Ungewissen. Diese Offenheit schafft zugleich Raum für die eigene Phantasie, das Unbestimmte wird unwillkürlich durch eigene Assoziationen und Geschichten gefüllt. Auch die Titel verschweigen mehr als das sie Aufklärung geben könnten.
Sie sind nur eine vorsichtige Andeutung eines möglichen szenischen Inhalts.
Bei aller Reduktion der Farbigkeit zugunsten des Fotografischen wird dennoch das Malerische durch die gleichmäßig weiche Kontur aller Bildmotive bestätigt und zugleich das Anonyme wieder ins Subjektive gerettet.
Filmstills sind das Thema der Malerei von Till Julian Huss. Das eine Bildmedium spiegelt sich im anderen, die Fotografie im traditionell gemalten Tafelbild. Die Szenen aus Stummfilmen der 1920er und 1930er Jahre werden auf sehr allgemeine Gesten reduziert, während das Schwarz-Weiß des frühen Films in der Grisaille-Malerei seine Entsprechung findet. Die technisch gegebene Reduktion des Stummfilms aus Schwarz-Weiß erfährt in der Malerei eine gewollte und bewusst herbeigeführte Reduktion auf einen sehr eingeschränkten Farbkanon. Dies unterscheidet diese Position von der eines Friedmann Hahn, der bereits seit den frühen 1970er Jahren Filmstills zum Vorbild für eine farbintensive Malerei genommen hat. Aber auch von Gerhard Richters Umsetzung fotografischer Bilder unterscheidet sich diese Position. Nicht die Transformation – mehr oder weniger mechanisch – des fotografischen Abbilds auf die Leinwand der Malerei ist sein Thema, sondern der Versuch, die Wirkung der Fotografie in einer nur der Malerei möglichen Weise zu verändern und zu steigern.
 

Hans Tepe

Katalogtext zur Ausstellung 'Drohnen'

Auch Paarabbildungen kommunizieren offenbar über Gesten und versetzen den Bildbetrachter in die Rolle eines zufälligen Beobachters.
Milieueindrücke einer Genremalerei. Momentaufnahmen eines fotografischen Schwarz-weiß Licht und Schatten Effekts. Halbtonabbildungen in Form von Graustufenbildern. Eine reduzierte Bildsprache jedem Betrachter bekannter Szenen, die trotz ihrer Eindeutigkeit Anonymität erzeugen und Fragestellungen hinterlassen. Sie provozieren zu Assoziationen und lösen rätselhafte Stimmungen aus. Welche Rolle spielen wir? Welche Rolle spielt die Zeit? Haben wir uns geändert oder sind wir gleich geblieben?

Versetzte Till Julian Huss in seinen ersten Werken den Betrachter seiner Malereien noch in die Rolle des Zeugen bzw. Opfers gegenwärtiger Alltagsszenen, so greift er in seinen aktuellen Arbeiten auf schwarz-weiß Filmstills der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Augenscheinlich überwiegen und dominieren in Roben bzw. Mänteln gekleidete Männer mit schemenhaften Gesichtssilhouetten die auf wenige Personen reduzierten Szenen. Der Hintergrund ist nahezu auf ein Nichts geschmälert. Die Dargestellten scheinen ein gemeinsames, in eine bestimmte Richtung weisendes Interesse zu verfolgen, ohne eine verbale Kommunikation untereinander aufzunehmen.